Dienstag, 29. September 2009

Special FX Wahlen

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Von allen Seiten wird der stolzen, 146 jährigen Sozialdemokratie die Überlebensfrage gestellt, die fdp hat nach der größten Wirtschaftskrise von Welt ein Rekordergebnis erreicht und Angela Merkel “würde am 9. November, wenn der 20. Jahrestag des Mauerfalls ist, ganz gerne die vielen europäischen Staats- und Regierungschefs mit einer neuen Regierung begrüßen” (O-Ton gestern).

Bei soviel Geschichtsträchtigkeit hilft es, zur Beruhigung erstmal Jean Baudrillard zu lesen:

“Die einzige Aufgabe, die der Politikerklasse übriggeblieben ist: das Ende des Repräsentationssystems zu organisieren.”

Mit der Regierungsbildung muss die Geschichte der Repräsentation fortgeschrieben werden, und gleichzeitig wird doch nur ihre Erosion gefestigt. Gerade der krampfhafte Bezug auf historische Daten beweist, dass unser Zeitgefühl von Geschichte simuliert ist.

Baudrillard 1981 zum Triumpfgeheul am Wahlabend:

“Die Repräsentanten des Volkes denken darüber sehr naiv: Sie halten ihre Wahl für ein Zeichen der Zustimmung und für den allgemeinen Konsens; sie kommen niemals auf den Gedanken, dass es nichts Doppeldeutigeres gibt, als jemanden an die Macht zu bringen, und dass das unterhaltsamste Schauspiel für das Volk immer das Scheitern einer politischen Klasse gewesen ist. Irgendwo in den Tiefen des berühmten Volksempfindens bleibt die Politikerklasse immer der Hauptfeind – ganz gleich, um welche es sich gerade handelt. Zumindest sollte man das hoffen.”

“Ich glaube auch nicht, dass die Leute sich über den politischen Gehalt der Wahlen irgendwelche Illusionen gemacht haben. Aber sie haben die Wahlen auf ihre Weise benutzt – sozusagen als Filmmaterial. Sie haben aus dem Medium der Wahlen einen Spezialeffekt gemacht.”

Das Wahlergebnis in Frankreich unter dessen Eindruck Baudrillard hier schreibt, stand ‘lagerpolitisch’ unter umgekehrten Vorzeichen: Mitterand und eine vereinigten Linken aus Sozialisten (PS) und Kommunisten (PCF) siegte. Für einen ‘Postmoralisten’, wie Baudrillard so schön lehrbuchartig definiert wird, spielen solche Differenzen natürlich genauso wenig eine Rolle, wie für Beschwichtigungs-Bloggen gegen unnötige Wellen im medial-politischen Gartenteich.

Baudrillards Text zur Annäherung und Vereinung der ‘göttlichen Linken’ im Frankreich Ende der 1970er, ist eine dringende Literaturempfehlung an SPD-Untergangsdiagnostiker, an Links-Lager-Annäherungsprognostiker, an Schwarz-Gelb-Agnostiker genauso wie an Lafontaine, Wowereit und Rote-Socke-Apokalyptiker.

“Die Kommunisten werden eines Tages die Macht ergreifen, um zu verbergen, dass es keine Macht mehr gibt. Es wird also weder um eine Subversion des Kapitals noch um eine Revolution des Kapitals in sich selber gehen, sondern ganz einfach um eine Involution des Politischen, um eine Resorption des Politischen und der ganzen politischen Gewalt in eine Gesellschaft die ausschließlich den Simulationsspielen der Macht überlassen ist.”

“Auch die Verwirrung der Rechten ist ein interessantes Symptom; sie ist nicht in der Lage, das auszuschlachten, was für sie ein Sieg sein müsste, aber eigentlich keiner ist, denn was in diesem vorausgeplanten Szenario des Sieges und der Auflösung der Linken zum Vorschein kommt, ist gerade die Antizipation, die Präzession des Szenarios über die historische Entscheidung – und das ist genauso tödlich für die Rechte wie für die Linke, da es das Ende jeder strategischen Perspektive bedeutet.”

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Alle Zitate aus:

Jean Baudrillard: Die göttliche Linke. Matthes & Seitz: München. 1986.

Zum Weiterlesen:

Die Agonie des Realen.

Der symbolische Tausch und der Tod. {allgemein als sein Hauptwerk angesehen}

Ich habe einen Traum. {Baudrillards Beitrag 2002 zur Zeit Magazin Serie}

Photographies. 1985 – 1998 {Überblick über seine fotografischen Werke plus zwei interessante Texte}

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