Samstag, 8. August 2009

Gib der Melkkuh Zucker?

Rocko Schamoni beschreibt sehr treffend – aus seinem subkulturellen Hohepriester-Jagdsitz aka. dem Dachgeschoss des Golden Pudel Club heraus -  welchem Tier der Stadteil Sankt Pauli immer stärker ähnelt:

“Sankt Pauli ist die Abmelkzentrale Hamburgs”. (Nutz-Kuh)

In die Ecke gedrängt von Verdränungs- und Stadtentwicklungsprozessen à la Brauquatier, SAGA-Wohnungsvergabepolitik, Tanzende Türme und Schlagermove kann man sich schon machmal machtlos fühlen, doch da bietet nun das Abwertungskit die Möglichkeit endlich wieder selber etwas zu bewirken:

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Der beste Humor hat ja oft einen ernsten Hintergrund. Und so läuft dieser schöne Beitrag als Vorfilm zu ‘Empire St. Pauli’. Der liebevoll gemachte und nur-ein-bißchen-polemisierende Film, der den Gentrifizierungs-Prozess in Sankt Pauli gründlich dokumentiert, bietet einige erhellende Einsichten, wie das obige Schamoni Zitat. Lohnt sich definitiv anzugucken, wenn noch nicht getan (Vorführungstermine).

Der Druck im Euter in Sankt Pauli ist nun besonders stark, oder wie es der Hotelmanager des Riverside nennt: “Es handelt sich um eine Sahne-Lage”. Aber eigentlich ist das was dort stattfindet nur ein anschlauliches Beispiel für die Mechanismen von Gentrifikationsprozesse allgemein. Der städtische und privat-wirtschaftliche Trieb zur Zitze wird dabei stets von einem bestimmten ‘Flair’ getrieben: ’sündige Reeperbahn’ (St. Pauli), ‘Alternativ-Szene’ (Schanze), ’studentische 68er Besetzer’ (Eppendorf / 1970er Jahre), ‘Multi-Kulti-Authentizität’ (Wilhelmsburg / Zukunft / ‘vielleicht’). Als Beispiel für die lebendige und aufregende Unterhaltungskultur der Reeperbahn verweist man im Riverside Hotel dann auch sehr gerne auf die Kneipe ‘Scharfe Ecke’ direkt gegenüber der Lobby. Domestizierte Authentizität, die in den Reiseführer passt und nicht zu weit entfernt von der eigenen Rezeption ist. Wirklich aufregend.

Wen jetzt noch nicht die digitale Unruhe gepackt hat (ja ich weiß Blog Beiträge gehören kürzer und mit mehr Fotos), dem erzählen wir noch was das mit Kulturmachern wie dem Haus 73 zu tun hat und fassen die recht erbitterte Diskussion der letzten Wochen zwischen Pferdestall GmbH (Betreiber u.a. des Haus 73) und Centro Sociale zusammen.

Wenn die prickelnde Atmosphäre eines Quartiers erstmal erkannt ist, dann spielen gerade Kreative, Initiativen aus der Szene und Kulturbetriebe eine große Rolle, besonders dann wenn sie sich für offizielle Stellen als verlässliche/kalkulierbare Partner erwiesen haben und es gleichzeitig verstehen sich als kulturelle, aus dem Viertel gewachsene Initiative darzustellen. Die Pferdestall GmbH findet auf jeden Fall selber,  dass sie mit Behörden und Ämtern wohl ganz gut könne und auch, dass sie echte lokal-gewachsene (sub-)kultur Förderer sind.

Dass sie eine recht hässliche Rolle innerhalb der noch hässlicheren Umwälzungsprozesse in der Schanze spielen, haben sie nun vor kurzem selber mehr als deutlich offenbart; finden wir. Hier die Zusammenfassung der Geschehnisse:

Seit einigen Monaten läuft ein öffentliches Ausschreibungsverfahren für das  Gebäude Sternstraße 2 neben dem ehemaligen Schlachthof. Die autonome Stadteilinitiative und Sozialgenossenschaft Centro Sociale hat vom Vermieter (Steg) aber nur eine temporäre Nutzungserlaubnis erhalten. In Absprache mit einigen anderen interessierten Initiativen, deren Veranstaltungen nun teilweise unter dem Dach des Centro stattfinden, ist es den Betreibern des Centro gelungen den Bewerberkreis zu verkleinern. Somit hat eine autonome Initiative, die ja bei Behörden eigentlich reichlich unbeliebt sein dürfte, realistische Chancen auch 2010 noch Räume in der Schanze zu Verfügung zu haben. Allerdings gibt es noch einen Mitkonkurrenten mit dem es dann doch zu einer recht offenen Konfrontation gekommen ist: Die Pferdestall GmbH.

Hier zwei offenen Briefe zwischen den Streithähnen (Schreiben vom Centro, Antwort vom Pferdestall). Die Ansage der Kuhstall GmbH, die eigenen Bewerbung zurückzuziehen sobald es zu einer 1-1 Situation gegen das Centro im Ausschreibungsverfahren kommt, klang für mich bisher wenig glaubwürdig. Ich kenne von der Pferdestall GmbH bisher nur einige kaum vertrauensfördernde Verhaltensweisen:

Mitarbeiter hart schuften lassen, prekär/verspätet/garnicht bezahlen und behaupten es würde kein Geld abgeworfen werden, während die Barumsätze doch ganz offensichtlich eine andere Sprache sprechen, genauso wie der hier veröffentliche Handelsregistereintrag.

Außerdem fällt mir neben dem kulturellen Engagement, mit dem man sich doch so gern schmückt, immer wieder die herausragende Mühe bei der konsequenten Verfolgung der eigenen Expansionsstrategien auf (von der Verwandlung des nichtkommerziellen Raums Pferdestalls mit Hilfe von Geldern der Uni-Entwicklungs GmbH bis zur Übernahme des Ex-Pacha in Hammerbrook).

Natürliche ist der Wert kultureller Produktionen letzlich reine Geschmackssache und jedes Engagement ist eine Bereicherung für die kulturelle Vielfalt in Hamburg. Auch spricht nichts gegen eine Existenzgründung und eine gut laufende engagierte Geschäftsidee. Aber scheinheiliges Geschäftsgebahren und pseudo-alternative Images müssen eindeutig als solche benannt werden. Und zwar erst recht wenn Studenten und StudiVZ-Studenten, diese äußerst bewusst lebende Bevölkerungsgruppe, sich in dem Flair der Pferdestall Bar’s total wohl fühlt.

Allerdings muss auch festgestellt werden, dass die entstandene Diskussion und der aufkommende Druck wohl doch ihre Wirkung haben, und dass sie inzwischen noch einmal in aller Deutlichkeit angeboten haben, ihre Bewerbung sofort zurückzuziehen wenn das Centro dies wirklich wünscht.

Spätestens jetzt wird das doch alles etwas absurd: Warum kann man nicht selber von der eigenen Bewerbung Abstand nehmen, wie dies Alsterarbeit am 30.7. oder die ehemaligen Co-Bewerber von der Pferstall Initiative Byte.fm und Knust kürzlich getan haben.

Und warum kann man sich als Centro Sociale nicht über dieses Angebot freuen und die politische Taktiererei den anderen überlassen? Und antwortet stattdessen, diese Entscheidung wolle man niemandem abnehmen?

Wo wir schon bei absurd sind, hier zur journalistisch gelungenen Abrundung eines langen Beitrags, zum Abschluss noch ein Zitat vom Bauherren des neuen Astra-Turms, dazu ob die Gentrifizierung das Viertel kaputtmacht.

“Wenn die Dachgeschoss-Ausbauten immer schicker werden oder in den Altbauten schicke Hotels entstehen. Mal die Frage: Glauben sie, dass in St Pauli, bis dato nur ein Klientel gelebt hat, die das begrüßen, wenn Nachts Flaschen an ihre Wände geworfen werden oder Leute urinieren oder wenn Frauen und Kinder angesprochen werden. Ich finde man darf das auch nicht so verdrehen, dass jetzt hier ein Klientel hier im Brauquatier einzieht und [dadurch] die Atmosphäre eines Stadtteils kaputtgemacht [wird]. Da würd ich sie fragen, ob diese [früheren] Dinge wünschenswert sind.”

Zitiert auch aus Empire Sankt Pauli. Also geh gucken jetzt!

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1 Kommentar zu “Gib der Melkkuh Zucker?”

  1. der weg hierhin war lang und beschwerlich, aber nun hat karlsson vom dach es wohlbesonnen hierher geschafft und ist äußerst entzückt über das hier niedergeschriebene. glückwunsch.
    schreiben sie bitte meine hausarbeit? ich könnte es wohl nicht im entferntesten so gut machen wie sie, herr max. ich lade sie nach getaner arbeit auch auf einen kuchen im besagten, gentrifizierten, HIPPIGEN kaffeeladen auf dem s-blatt ein. aight!
    L

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