Die Geschichtsduselei vom Maul-Fall liegt noch schwer im Magen, da kommt diese Dokumentation über ‘Krautrock’ gerade recht.
Leider ist der Doku-Titel ‘Rebirth of Germany’ genauso unpassend, wie die Genre Bezeichnung Krautrock selbst. Es geht eben gerade nicht um eine musikalische Wiedergeburt Deutschlands, sondern darum eigene neue Schall-Welten zu kreiern. Nix billige Imitation britisch-amerikanischer Trends (The Rattles fast so geil wie Beatles); nix ekliger musikalischer Konservativismus (noch mehr wackness: Heintje).
Stattdessen wurden klangliche Ausreissversuche in Richtung Kosmos oder mindestens weit über die alltägliche Grütze hinaus unternommen.
Zum 20jährigen Mauerfall, hätte mal über Kunst und Musik im Deutschland der 90er und 00er Jahre berichtet werden sollen, die eine ähnliche Auseinandersetzung sucht. Irgendwo zwischen Rostock-Lichtenhagen und Thilo Sarrazin hampeln nämlich hässliche TicTacToe’s und Guildo Horns rum.
Aber der wiedervereinigte, völkerverständlerische Pomp mit dem die Staatsoberhäupter durchs Brandenburger Tor trampelten und Medientrara wie Rendez-vous mit der Revolution, lässt uns die Möglichkeit solcher menschenunwürdigen kleinen Ausrutscher ja endgültig vergessen.
So verkommt der erinnerungswürdige 9. November – der Tag der Novemberrevolution 1918, der Tag des ersten Putschversuch Hitler’s 1923, der Reichsprogromnacht 1938 und der Tag an dem einer langer verdienstvoller, bürgerrechtlicher Kampf seinen größten Erfolg feierte 1989 – zum öffentlichen Domino-Day Feiertag.
Schön vom Aufhänger zum Aufreger abgedrifftet. Jetzt beruhigen und die spannende BBC Doku gucken:
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Nach der Bundestagswahl half Jean Baudrillard als Beschwichtigungs Pille gegen das überlaute politisch-mediale Getöse. Diesmal möchte ich zu Peter Sloterdijk raten um die aufgeblähte Inszenierung des 20 jährigen Mauerfalls auszuhalten:
Wo niemand mehr wissen kann, was morgen gilt, da wirkt es fast wie ein Geschenk, dass das Vergangene vorüber ist.
Die befriedigendste Bescherung ist die “Außerkraftsetzng des Gestrigen, die einen Hauch von Orientierung in der Gegenwart erzeugt.” Sloterdijk vergleicht den Menschen der Gegenwart mit Passanten auf einer Rolltreppe:
Wir rollen auf einem Förderband ins Unabsehrbare. Dabei zählt unsere Eigenbewegung kaum noch im Verhältnis zur Totalität der Bewegunsmasse.
Keine Redeform ist dem Prinzip der Rolltreppenkultur so adäquat wie der Nachruf, der inmitten permanenter Bewegung und chronischer Unklarheit an die letzte sichere Tatsache erinnert: dass die Vergangenheit nicht die Gegenwart ist.
Video via spreeblick [schneller Netzhumor]
Für tiefsinnigeren Humor und Wahrheit weiterlesen:
Peter Sloterdijk: Nach der Geschichte. Erschienen in Sloterdijk: Euro-Taoismus. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 1988.
Von allen Seiten wird der stolzen, 146 jährigen Sozialdemokratie die Überlebensfrage gestellt, die fdp hat nach der größten Wirtschaftskrise von Welt ein Rekordergebnis erreicht und Angela Merkel “würde am 9. November, wenn der 20. Jahrestag des Mauerfalls ist, ganz gerne die vielen europäischen Staats- und Regierungschefs mit einer neuen Regierung begrüßen” (O-Ton gestern).
Bei soviel Geschichtsträchtigkeit hilft es, zur Beruhigung erstmal Jean Baudrillard zu lesen:
“Die einzige Aufgabe, die der Politikerklasse übriggeblieben ist: das Ende des Repräsentationssystems zu organisieren.”

